15.01.2001, Flensburger Tageblatt.

Elektronik-Spezialisten liefern 15000 Vorwarn-Decoder für schwedischen Katastrophenschutz

Flensburger Radiowecker soll Region um Akw alarmieren

Mit Elektronik aus Schleswig-Holstein will der schwedische Katastrophenschutz in der Region um das Atomkraftwerk Barsebäck nahe Malmö ein Vorwarnsystem testen - das im Fall von Terrorakten binnen weniger Sekunden Zehntausende Haushalte informieren soll. 15000 Decoder will die Flensburger Firma 2wcom bis Ende des Jahres liefern, weitere könnten folgen.

Flensburg, Malmö / Germany, Sweden. Seit dem II. September haben Zivil- und Katastrophenschutz Hochkonjunktur. Bereits Mitte Oktober kündigte die Bundesregierung ein satellitengestütztes Warnsystem an: Binnen 20 Sekunden sollen Bürger vor einer möglichen terroristischen Gefahr gewarnt werden können - vorausgesetzt, sie haben ihr Radiogerät oder den Fernseher eingeschaltet. In Schweden wollen die Behörden jetzt in der Umgebung des Atomkraftwerks Barsebäck bei Malmö den Ernstfall testen. Rund 15 000 Haushalte in einem Radius von 50 Kilometern - je nach Windrichtung - sollen mit einem Empfangsgerät ausgestattet werden, das sich im Ernstfall selbst einschaltet und laut stellt. Den Zuschlag für den Auftrag zur Entwicklung und Lieferung dieses Decoders bis zum Jahresende hat die Flensburger Elektronikfirma 2wcom erhalten. Der Firmenname ist eine Abkürzung für Zwei-Wege-Kommunikation - die drahtlose über Funk und die drahtgebundene übers Internet.

Werner Drews, Geschäftsführer von 2wcom, strahlt, wenn er von der gewonnenen Ausschreibung des staatlichen schwedischen Zivil- und Katastrophenschutzes "Räddnings Verket" erzählt: "Damit haben wir eine super Referenz in diesem neuen Umfeld." Hauptauftraggeber der hochspezialisierten Elektronikschmiede waren bisher die großen Rundfunkanstalten Europas, die aus Flensburg mit elektronischen Komponenten für Sendeanlagen - und dem entsprechenden Know-how beliefert wurden.

Die für Schweden bestimmten Empfangsgeräte beschreibt der 40-jährige Firmenchef als eine Art Radiogerät, das normalerweise still in der Ecke steht und zwei Tuner enthält. Mit dem einen Tuner kann man ganz gewöhnlichen UKW-Rundfunk empfangen. Der andere dient ausschließlich dazu, um auf einen Warnruf zu reagieren. Sonst ist er nicht zu hören. Das ganze Gerät ist mit einem Akku ausgestattet, der bei einem möglichen Stromausfall den weiteren Betrieb garantiert. "Beim Terrorangriff am 11.September war rund um das World Trade Center kein Strom mehr. Das einzige, was funktionierte, war das Radio", sagt Drews - und das laufe in der Bauart des RDS-Warnempfängers bis zu 72 Stunden autark. RDS steht für Radio Data System und nutzt die Sendeanlagen der Rundfunkanstalten. "Mit den Decodern wird eigentlich nur das letzte Glied in der Sendekette geschlossen, und das ist der Verbraucher." In einer einfachen Version wird das RDS-System in jedem Autoradio genutzt, wo es Zusatzinformationen wie die Anzeige des gerade eingestellten Senders liefert. Wenn im RDS- Warngerät die Durchsage kommt, schaltet das Gerät automatisch laut und lässt sich dann auch nicht herunterregeln.

Werner Drews, dessen Familie auch Inhaber von 2wcom ist, hat seine Entwicklung bereits im Herbst den deutschen Zivilschutzbehörden vorgestellt: "Das Interesse ist sehr groß", sagt der Ingenieur nach einem Besuch bei den Behörden in Bonn. Deren Problem: "Der Zivilschutz wurde ja vorher extrem heruntergefahren.

"Für die schwedischen "Räddnings Veiket" soll der Prototyp in Kürze stehen. "Die Hardware läuft hier im Haus", sagt Drews, dessen Elektronikfirma im wesentlichen aus einem Team von zwölf Ingenieuren besteht. "Das Gerät wird in Flensburg entwickelt und soll in Schleswig-Holstein produziert werden." Ende des Jahres sollen die Receiver ausgeliefert werden. Zudem haben die Flensburger eine Option auf die Lieferung von weiteren 20000 Receivern an Räddnings Verket. Mit dem Schweden-Projekt und einem größeren Auftrag des österreichischen Rundfunks ORF, das RDS-Signalsystem auf den Fernsehtürmen zu erneuern, ist das kleine Spezialistenteam fast schon ausgelastet. Außerdem berät 2wcom die Deutsche Telekom beim Aufbau eines neuen Verkehrsnachrichtensystems über RDS. Kern dieser Technik: Informationen über Staus sollen in die Auto- Navigationssysteme einfliessen - und die Autofahrer im Idealfall um den Stau herumführen. Spätestens damit ist das Team fürs ganze Jahr ausgebucht. Drews bestätigt: "Für alle Aufträge, die jetzt zusätzlich kommen, brauchen wir neue Leute."